In welchen Situationen nehmen Sie Selfies auf? Die Mitglieder der Redaktion machen Selfies mit Freund:innen, wenn sie sich nach langer Zeit wiedersehen oder am Ende eines schönen Abends mit einem Bier in der Hand – also in besonderen Momenten. Für viele Menschen ist es alltäglich geworden, Selfies wie ein Tagebuch auf sozialen Medien zu posten und später darauf zurückzublicken.
Es könnte spannend sein, über die Bedeutung dieses scheinbar selbstverständlichen fotografischen Akts als Bild nachzudenken.
Das älteste erhaltene Selfie
Ein kurzer Ausflug in die Geschichte.
Das älteste erhaltene Selfie stammt aus dem Jahr 1839 und wurde von Robert Cornelius als Selbstporträt aufgenommen. Dieses Werk entstand mit der damals neuen Technik der Daguerreotypie (Silberplattenfotografie). Aufgrund seiner Einzigartigkeit und historischen Bedeutung gilt dieses Bild als Ursprung des Selfies.
Die fotografischen Verfahren des Jahres 1839 erforderten lange Belichtungszeiten, sodass das Anfertigen eines Selbstporträts eine große Herausforderung darstellte. Für die Menschen des 19. Jahrhunderts war das Fotografieren selbst ein Ereignis, und das bewusste Festhalten des eigenen Abbilds war eine außergewöhnliche Erfahrung.
©︎ Cornelius, Robert, 1809-1893 „Selbstporträt von Robert Cornelius“
Die Miniaturisierung der Kamera war unausweichlich
In der Frühzeit der Fotografie war das Fotografieren selbst ein großes Ereignis. Doch mit der Entwicklung des 35-mm-Films und der damit einhergehenden Miniaturisierung der Kameras gewann das Medium Fotografie an Wert, da es nun jederzeit und überall möglich wurde, Momente festzuhalten. Die Entstehung von Fotograf:innen wie Henri Cartier-Bresson, dem Autor des „entscheidenden Moments“, ist eng mit diesen technischen Entwicklungen verbunden. Die Fotografie eröffnete den Menschen des 20. Jahrhunderts eine innovative Perspektive, die es ermöglichte, flüchtige Augenblicke für immer zu bewahren.
Selbstporträts mit Spiegelreflexionen: Bereits seit den 1940er Jahren?
Vor dem Spiegel zu stehen und das eigene Spiegelbild mit dem Smartphone festzuhalten – um das tägliche Outfit oder den Gesichtsausdruck zu dokumentieren – ist ein Ansatz, der bereits in früheren Zeiten existierte.
Fotograf:in unbekannt
Dieses vermutlich in den 1940er Jahren entstandene Foto zeigt, wie eine analoge Spiegelreflexkamera vor einem Spiegel positioniert wurde, um sich selbst und die Partnerin/den Partner gemeinsam festzuhalten. Auch wenn es damals nicht möglich war, täglich wie heute mit dem Smartphone Fotos zu machen, wurde die Fotografie durch den technischen Fortschritt zu einem alltäglichen Medium und der Akt des Fotografierens erhielt eine neue Bedeutung.
©︎ Balthazar Korab Studios, Ltd
Vor dem Spiegel zu posieren – auch das ist eine Form des Selfies. Ähnlich wie ein Selbstbildnis dient das Foto der Suche nach Identität. Bereits zu dieser Zeit entstand das Bedürfnis, sich selbst durch Fotografie zu dokumentieren und auszudrücken.
Selfie als kulturelles Phänomen durch soziale Medien
Das Selfie als neue Wahrnehmungserfahrung besitzt eine tiefe Bedeutung als Ausdrucksmittel des Individuums durch Fotografie. Vom analogen Film bis zur digitalen Ära ermöglicht das Selfie heute, dass Fotografierende ihre Mimik und Pose direkt auf dem Smartphone-Bildschirm kontrollieren können. Die Möglichkeit, diese Bilder über soziale Medien zu teilen und sich gegenseitig zu bestätigen, hat die Erweiterung des Selbst weiter vorangetrieben.
Das unveränderte Bedürfnis nach Selbstausdruck
Wie fanden Sie diesen Einblick? Selfies sind fest in unseren Alltag integriert und dienen als unbewusstes Mittel, besondere Momente oder kleine Begebenheiten zu dokumentieren und zu teilen. Die Entstehung des Selfies war jedoch untrennbar mit dem technischen Fortschritt der Kamera verbunden. Das Bedürfnis, sich selbst durch Fotografie zu verewigen, hat sich in den letzten 100 Jahren kaum verändert und bleibt faszinierend und berührend.
Mit weiteren technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen werden sich auch unsere Ausdrucksformen wandeln. Auch wenn wir es kaum bemerken, hat die Technologie uns neue Wege zur Selbstwahrnehmung und zum Selbstausdruck eröffnet.







