Instagrammismus: Eine ästhetische Bewegung zur Vielfalt der Fotokultur und Identitätsbildung
In der jüngeren Sozial- und Mediengeschichte wird der Begriff „Kultur“ häufig verwendet, um das Verhalten und die Überzeugungen von Gruppen in bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten zu charakterisieren. Mit dem Aufkommen neuer Medien hat sich der Kulturbegriff erweitert – besonders deutlich wird dies auf Online-Fotoplattformen wie Instagram.
Die Forschung des renommierten Digitalmedienwissenschaftlers Lev Manovich beleuchtet die Vielfalt der Fotokulturen und die Komplexität der Identitätsbildung auf diesen Plattformen.
© Lev Manovich
Als Konglomerat unterschiedlicher Fotokulturen
Heute fungiert Instagram als Plattform, auf der Nutzer:innen ihre eigene ästhetische Wahrnehmung definieren und mit einer globalen Community teilen. In der Anfangszeit der Digitalmedienforschung wurde Instagram jedoch oft als Monokultur der Fotografie auf globaler Ebene betrachtet.
Laut Lev Manovichs Forschung nutzen heute Nutzer:innen mit unterschiedlichsten Hintergründen Instagram, wodurch sich aus deren Beiträgen eine Vielzahl ästhetischer Essenzen herausbildet und eine diverse Fotokultur entsteht und weiterentwickelt wird. Somit hat sich Instagram von der anfänglichen Wahrnehmung zu einer multikulturellen Plattform gewandelt, die von individuellen Beiträgen und vielfältigen Kulturen geprägt ist.
„Quantitative rechnergestützte Analyse“ in der visuellen Forschung
In der Studie wurden mithilfe von Deep Learning aus einem Datensatz von über 100.000 Instagram-Bildern 1.000 verschiedene Inhalte identifiziert und die visuellen Stile sowie ästhetischen Merkmale der Bilder auf geografischer Ebene verglichen. Konkret kamen eigens entwickelte Visualisierungstechniken, Daten-Clusterings und Multiklassen-Klassifizierungen zum Einsatz, um Bildpools aus fünf Städten miteinander zu vergleichen.
© Lev Manovich
Ein dynamischer, sich stetig wandelnder Raum für Ausdruck
Die Studie zeigt, dass Instagram als Träger einer ästhetischen Bewegung fungiert, die durch unterschiedliche Motive, Kompositionen, Farbpaletten und Kontraste eine Vielzahl von Stilen hervorbringt. Neue Trends und Stile verbreiten sich wie ein Fluidum oder lebendiger Organismus rasant über verschiedene Regionen, und die Nutzer:innen drücken sich flexibel und kreativ aus. Der Prozess der Identitätsbildung durch Fotografie ist dabei wesentlich zugänglicher als etwa in der Musikproduktion – viele junge Menschen formen und kommunizieren ihre Identität über verschiedene Subkulturen und Modestile.
Instagram fungiert als Bühne für innovative ästhetische Bewegungen, als Ort, an dem sich individuelle Identitäten durch Fotografie in Echtzeit wandeln und an dem sich vielfältige Identitäten durch unterschiedliche Stile und Perspektiven verbinden. Es ist ein Ausdrucksraum, der sich wie ein Fluidum ständig weiterentwickelt.






