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Der US-amerikanische Kreative Ben Fraternale beantwortet „10 Fragen“ | ISSUE #275

By cizucu · 28. August 2026

Serie „10 Fragen an Fotograf:innen“
Der US-amerikanische Kreative Ben Fraternale beantwortet „10 Fragen“ | ISSUE #275

©︎ Ben Fraternale

Der US-amerikanische Kreative Ben Fraternale beantwortet „10 Fragen“ | ISSUE #275

©︎ Ben Fraternale

In Interviews mit Persönlichkeiten, die fotografischen Ausdruck aus einer unverwechselbaren Perspektive erforschen, beleuchten wir die Ursprünge ihres kreativen Schaffens, ihre Haltung und ihren Arbeitsprozess – und vermitteln Fotograf:innen und Fotomedien weltweit neue Inspiration.

Die kreativen Ursprünge des in den USA tätigen Fotografen und Regisseurs Ben Fraternale sowie die Überzeugungen und Perspektiven, die ihm besonders wichtig sind: Sie in unserer Zeit in Worte zu fassen und zu archivieren, dürfte einen Beitrag zur fotografischen Kultur der Zukunft leisten.
Mit diesen „10 Fragen“ gehen wir dem Prozess nach, durch den sein künstlerischer Ausdruck Gestalt annimmt.

Information
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Ben Fraternale

Ein in den USA tätiger Fotograf und Regisseur. Als Jugendlicher kam er durch seine Berichterstattung über die Arena Football League zur Fotografie und fotografierte mit Presseakkreditierung bei landesweit übertragenen Spielen. Heute arbeitet er vorwiegend mit Polaroid und dokumentiert auf ausgedehnten Roadtrips verschwindende amerikanische Landschaften sowie die Spuren des Optimismus der Jahrhundertmitte.

Instagram: @the.instantgram

Q1. Erzählen Sie uns bitte von den Ursprüngen Ihrer Fotografie und Ihrer heutigen Arbeit.

Ich begann aus einer Notwendigkeit heraus zu fotografieren. Zwei Dinge geschahen gleichzeitig.

Zum einen verlor meine Familie im Zuge des weltweiten Übergangs zu Digitalkameras das Interesse am Fotografieren an sich, sodass niemand mehr unser Leben dokumentierte. Von den Dingen, die unsere Existenz als Familie ausmachten, blieb fotografisch nichts erhalten. Als mir diese Leerstelle bewusst wurde, griff ich ganz selbstverständlich zur Kamera und übernahm die Rolle des Familienfotografen.

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©︎ Ben Fraternale

Zum anderen begann ich als Jugendlicher, über die Arena Football League zu berichten. Ich produzierte und veröffentlichte meine eigene Website, Videos und Radiosendungen – und Fotografie war unverzichtbar, um all das zu tragen.
Schon in jungen Jahren mit Pressepass bei landesweit übertragenen Spielen zu fotografieren, war für mich wie eine „kleine Filmschule“. Dort eignete ich mir viele Fähigkeiten an, die ich bis heute nutze: Bildgestaltung, Filmproduktion und Design.

Q2. Welche Elemente oder Themen sind Ihnen in Ihrem Werk besonders wichtig?

Da mein Weg zur Fotografie mit meinem Gespür für ein „Leben, das verschwindet, ohne dokumentiert zu werden“ begann, hat sich dieses Thema allmählich in meinem gesamten Werk verankert.

Viele meiner Arbeiten entstehen aus dem Wunsch, die langsam verschwindenden Landschaften Amerikas und die Spuren jenes Optimismus der Jahrhundertmitte festzuhalten, der einst die Straßen, Schilder und unscheinbaren Alltagsszenen der Städte erfüllte – solange sie noch existieren. Auf langen Roadtrips suche ich nach solchen Orten und nach Fragmenten einer Ästhetik, die in der Zeit zurückgeblieben ist.

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©︎ Ben Fraternale

Im Laufe der Jahre haben sich viele der von mir fotografierten Orte verändert oder sind ganz verschwunden. Gerade deshalb besitzen diese Fotografien als Archiv besonderes Gewicht. Zusammen erzählen sie, so glaube ich, eine umfassende visuelle Geschichte.

Q3. Wie entstehen Ihre Arbeiten? Wir würden gern mehr über Intuition, Zufall und Ihre Entscheidungen vor Ort erfahren.

Da ich als Regisseur und Fotograf weltweit unterwegs bin, habe ich häufig Gelegenheit, nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Ländern abgelegene, kaum bekannte Regionen und Orte von eigentümlicher Faszination zu suchen.
Am wohlsten fühle ich mich am Steuer eines Mietwagens, wenn ich über endlose Wüstenstraßen fahre und eine Stadt entdecke, in der Fragmente einer verlorenen Ästhetik noch immer lebendig sind.

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©︎ Ben Fraternale

Natürlich plane ich im Voraus sehr sorgfältig. Doch Amerika besitzt eine besondere Art des „Zufalls“. Stundenlang fahre ich weiter, manchmal selbst auf Straßen, die wenig vielversprechend erscheinen, und suche in der Hoffnung, auf etwas zu stoßen, das genau zu einem laufenden Projekt passt.

Q4. Was treibt Sie an, Ihre künstlerische Arbeit fortzuführen?

Gerade weil das Leben selbst vergänglich ist, war Fotografie – insbesondere analoge Fotografie – für mich immer unverzichtbar.
Wie viele der Motive, nach denen ich suche, werde auch ich eines Tages verschwinden. Dieses Bewusstsein treibt mich ebenso stark an wie das Fotografieren selbst. Ich möchte ein Zeugnis schaffen, das künftigen Generationen erhalten bleibt. Mit jeder Auslösung füge ich diesem physischen Archiv eine weitere Polaroidaufnahme hinzu.

In 200 Jahren wird wohl niemand akribisch Festplatten öffnen, um nach Fotografien zu suchen. Vielleicht aber nimmt jemand zufällig eine Schachtel voller Polaroids zur Hand, die ich überall auf der Welt aufgenommen habe, und blättert sie durch. Sie könnten zu einem unersetzlichen Erinnerungsstück werden – zum Zeugnis eines gelebten Lebens.

Q5. Zeigen Sie uns bitte eine Ihrer Lieblingsaufnahmen. Welche Geschichte steckt dahinter, und warum haben Sie sie ausgewählt?

Zu meinen absoluten Lieblingsarbeiten gehört „The Leaning Tree“. Es ist eine sehr schlichte Aufnahme, erfüllt vom wunderschönen Licht des Joshua-Tree-Nationalparks – vielleicht eine Fotografie, die für mich eher untypisch ist.

Und doch ist dieser Baum einzigartig und besitzt eine ganz eigene Emotionalität. Ich habe den Park oft besucht und stellte irgendwann fest, dass ich jedes Mal zu genau diesem Baum zurückkehrte.

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©︎ Ben Fraternale

Dass er immer dort ist, scheint sich mit den Themen zu überschneiden, denen ich nachgehe. Auch dieser Baum wird eines Tages verschwinden – genau wie die Architektur in den amerikanischen Kleinstädten und die vom Menschen geschaffenen Landschaften.
Doch für einen kurzen Augenblick kann ich immer wieder zu ihm zurückkehren, bevor er verschwindet. Und selbstverständlich fotografiere ich ihn mit einer Polaroidkamera.

Q6. Welche Bedeutung hat Fotografie Ihrer Ansicht nach im Zeitalter der KI?

KI hat der Bilderzeugung die Wahrheit entzogen und das Konzept des „Bildes“ von der Fotografie selbst losgelöst.

Gerade deshalb empfinde ich Polaroids heute als umso bedeutungsvoller. Sie sind wie ein Gegenmittel gegen den Schaden, den künstliche Bilder anrichten – eine mögliche Antwort auf die Frage, wie sich etwas Echtes, Unwiederholbares und Einzigartiges schaffen lässt.

Q7. Welche Entwicklungen oder Communitys innerhalb der US-amerikanischen Szene halten Sie für besonders wichtig?

Amerika ist gewaltig, und weil das Internet allem eine Plattform gibt, wirkt auch die Fotoszene auf den ersten Blick ungeordnet. Ich selbst habe meinen Platz jedoch in der analogen Welt gefunden.

Es gibt mehrere tragende Organisationen, die ausschließlich die Filmfotografie oder sogar nur Polaroid unterstützen. Sie fördern große Communitys von der West- bis zur Ostküste.

Die noch kleinere Nische der Polaroid-Community empfinde ich als besonders eng verbunden. Das Format selbst stand kurz vor dem Aussterben und erlebte erst vor 18 Jahren seine Wiedergeburt. Aufgrund dieser Geschichte ist die Bewegung von einem lebendigen Grassroots-Gedanken geprägt und zugleich so stark gewachsen, dass sie heute eine gesamte kleine Branche tragen kann.

Menschen, die von Polaroid begeistert sind – sie geben mir überall in diesem Land ein Gefühl von Zugehörigkeit. Ganz gleich, auf welcher eigenwilligen Nebenstraße ich mich verirre: Solange ich eine Polaroid SX-70 dabeihabe, findet sich jemand, der mir gern sein Sofa überlässt. Das gibt mir Halt.

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©︎ Ben Fraternale

Q8. Finden Sie in den Fotoszenen oder bei Kreativen anderer Länder Anregung und Inspiration?

Vor Kurzem verbrachte ich einige Zeit in China und konnte aus nächster Nähe eine Fotoszene beobachten, die gerade aufblüht – in einem Land, in dem Fotografieren bis vor nicht allzu langer Zeit kaum gern gesehen war.
Es hat mich aufrichtig überrascht, mit welcher Geschwindigkeit das Interesse an Polaroid in China wächst, obwohl das Land kulturell und gesellschaftlich weit von den USA entfernt ist.

Daran wurde mir deutlich: Ganz gleich, wo auf diesem Planeten wir leben – wenn das Internet selbstverständlich wird und Technologie unseren Alltag zunehmend seiner sinnlichen Erfahrbarkeit beraubt, suchen wir alle nach einer Atempause.

Wir suchen nach etwas Greifbarem, Langsamem und Echtem, das uns erdet. Denn im modernen Leben gibt es kaum noch etwas, das dieses Bedürfnis erfüllt.

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©︎ Ben Fraternale

Wie eigenständig sich eine Kultur auch entwickelt haben mag: Ich glaube, der Wunsch nach einer analogen Auszeit in einem Zeitalter unerbittlicher Digitalisierung ist zutiefst menschlich.

Q9. Wonach möchten Sie Ihr Leben lang streben?

Je älter ich werde und je mehr ich mein Leben in Jahrzehnten betrachte, desto sicherer bin ich, dass es auf die eine oder andere Form des „Bewahrens“ hinauslaufen wird.

Ob durch filmisches Erzählen, Fotografie oder die Kunst selbst: Mich treibt der unerschöpfliche Impuls an, das Leben auf meine Weise festzuhalten und zu bewahren, während die Gegenwart zur Vergangenheit verblasst.

Q10. Welche Botschaft möchten Sie Kreativen auf der ganzen Welt heute mitgeben?

Weder Sprache noch Regierungen oder Kriege können verhindern, dass wir miteinander in Verbindung treten.

Ich glaube, dass der Mensch in seinem Innersten etwas sehr Schönes ist. Doch Politik und Technologie trüben allzu oft unseren Blick dafür. Anders als das, was man uns täglich glauben machen will, ist die menschliche Wirklichkeit weitaus freundlicher. Das habe ich immer wieder erlebt.

Und durch die Kunst können wir unerwartete Verbindungen schaffen – selbst angesichts der Mächte, die uns von oben bedrohen.

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