In »Read Your Photography« richten wir den Blick auf die Geschichten hinter den Fotografien – Narrative, die sich dem bloßen Sehen entziehen. Gemeinsam mit Werken, die über das von cizucu initiierte und soziale Netzwerke zusammengetragen wurden, übersetzt das cizucu Magazin die Hintergründe und die individuellen Zeitmomente, in denen diese Aufnahmen entstanden, in zwölf Sprachen und bringt sie weltweit zu einem Publikum.
Die Entscheidung, eine Geschichte im Herzen zu bewahren, ist eine Möglichkeit. Doch vielleicht berührt dieses Gefühl leise das Herz eines anderen und entfacht eine noch unbekannte Faszination.
In dieser Ausgabe stellen wir Ihnen die Werke von fünf Künstler:innen aus aller Welt vor.
Lassen Sie uns gemeinsam einen behutsamen Blick auf diese einzigartigen Geschichten werfen.
oogle’s Story
Foto von oogle
oogle
📚 01
In Danbara, Minami-ku, Hiroshima – meinem Geburts- und Heimatort – zieht sich der Hijiyama wie eine Linie durch die Stadt. Danbara ist auch als Stadtteil bekannt, der durch den Schatten des Hijiyama vom Atombombenabwurf verschont blieb.
Das Dach des Hiroshima City Museum of Contemporary Art, das auf dem Hijiyama liegt, ist von oben betrachtet C-förmig geöffnet. Es heißt, dass die Skulptur »Arch« von Henry Moore am Ende dieses Bogens in Richtung des Epizentrums der Bombe weist.
Für dieses Foto habe ich die Perspektive umgekehrt: Die »Arch« dient als Rahmen, die Komposition mit Kirschblüten und Museum wurde gewählt, und ich wartete auf den Moment, in dem eine Person die Szene durchschritt.
Wenn der Blick vom Museum durch die »Arch« in Richtung Epizentrum als Wunsch nach Frieden gelesen werden kann, so erscheint diese umgekehrte Perspektive wie ein Sinnbild für die heutige friedliche Alltäglichkeit.
cizucu Redaktion
Die sanfte Präsenz der Kirschblüten und die Geometrie der Museumsarchitektur verbinden sich durch die Skulptur »Arch« als »Rahmen« – der Blick wird leise geführt und verknüpft sich mit dem kollektiven Gedächtnis der Stadt. Ohne den Wunsch nach Frieden explizit zu formulieren, lässt das Bild dessen Schwere in der Ruhe des Alltags durchscheinen. Eine Fotografie, die ihre Kraft mit großer Sorgfalt entfaltet.
P H Lee’s Story
Foto von P H Lee
P H Lee
📷 RICOH GR IV
📚 02
Ich leide seit zwanzig Jahren an schwerster Migräne. Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen, Stress, emotionale Unruhe, selbst übermäßiger Hunger – all das kann Migräne auslösen und macht sie zu einer ständigen, nicht zu ignorierenden Begleiterin.
An diesem Tag verließ ich morgens Taipeh und erledigte berufliche Angelegenheiten in Linkou, am Rand des Beckens. Mitte März ist die Luftfeuchtigkeit dort extrem hoch, und bald setzte der Frühlingsregen ein. Wie erwartet, kehrte die Migräne zurück. Ich beendete meinen Arbeitstag mit Schmerzen und kehrte am Abend zum MRT-Bahnhof Linkou zurück.
Auf dem Bahnsteig stehend, war ich tief bewegt von der dichten Nebellandschaft vor mir. Der Nebel war so undurchdringlich, dass es schien, als sei die Welt ihrer Farben beraubt; das Ende der U-Bahn-Gleise war nicht mehr auszumachen. Die im Bau befindlichen Hochhäuser, eigentlich Symbole der Stadterneuerung, erschienen im Nebel vielmehr als trostlose, postapokalyptische Kulisse.
Vielleicht spiegelte dieses Gefühl der Trostlosigkeit auch meine eigenen inneren Zweifel und Unsicherheiten wider.
cizucu Redaktion
Der Bahnsteig, verschluckt vom Nebel, evoziert die Vorstellung eines »Nächsten«, das außerhalb des Sichtfelds liegt, und trägt zugleich eine unterschwellige Endgültigkeit. Die Migräneschmerzen, die Feuchtigkeit, das Gefühl des Endes, das die Baustellen der Hochhäuser hervorrufen – das Äußere spiegelt das Innere wider und spricht die Körperlichkeit der Betrachtenden direkt an. Das Weiß des Nebels hebt die Konturen der Unsicherheit deutlich hervor.
MATTHEW H. STURGESS’s Story
Foto von MATTHEW H. STURGESS
Foto von MATTHEW H. STURGESS
MATTHEW H. STURGESS
📚 03
An einem frühen Morgen im Dezember 2025 trank ich Kaffee in meinem Zuhause in Singapur, als ich draußen einen lauten Ruf hörte. Zum Glück war meine Kamera bereits vorbereitet, da ich am Nachmittag einen Ausflug in einen nahegelegenen Naturpark geplant hatte.
Ich erkannte sofort, dass es sich um den charakteristischen Ruf eines Hornbills handelte, griff nach der Kamera und rannte hinaus auf die Straße. Während ich die Kamera einschaltete und die Einstellungen anpasste – ein Auge am Himmel, das andere an der Kamera –, blieb kaum Zeit, auf den Gegenverkehr zu achten (zum Glück kam kein Auto).
Als ich das Objektiv gen Himmel richtete, sah ich den wunderschönen Hornbill direkt über mir fliegen. Er wurde von einer Gruppe Krähen – einer sogenannten »Murder« – verfolgt, die sichtlich gereizt waren.
Ohne zu zögern, passte ich meinen Stand an und hielt die rasante Szene in einer Serie von Aufnahmen fest. Eine davon wurde schließlich zum »entscheidenden Moment«.
Der Hornbill entkam letztlich unversehrt (wenn auch mit ein paar verlorenen Schwanzfedern). Diese Erfahrung lehrte mich, wie wichtig es ist, die Kamera stets einsatzbereit zu halten – Gelegenheiten ergeben sich oft völlig unerwartet.
cizucu Redaktion
Im atemlosen Wettlauf liegt eine besondere Befriedigung darin, dass »Vorbereitung den Zufall zum Schicksal werden lässt«. In einem einzigen Blick zum Himmel verdichten sich der Kampf mit den Krähen, der Sprung auf die Straße, das Serienauslösen – alles kulminiert im »entscheidenden Moment«. Chancen sind nicht zum Abwarten da, sondern zum Ergreifen – eine Geschichte, die Mut macht.
黃亭綸’s Story
Foto von 黃亭綸
黃亭綸
📚 04
Das Bild, das durch Mehrfachbelichtung entsteht, ist mehr als nur eine Fotografie – es ist ein Gefäß, um die vielschichtigen Gefühle, die meine Depression begleiten, zu erfassen und zu analysieren.
Zwei unterschiedliche körperliche Bewegungen: das Suchen, das Zerfallen, das fast betende Gestus spiegeln eine Facette der Realität im Umgang mit der Krankheit wider. Das Bild ist hier nicht bloßes Dokument, sondern ein Mittel, das Innere auszudrücken und jene Momente einzufangen, die sich nicht in Worte fassen lassen – sanft und zugleich realistisch verdichtet in einer Fotografie. In ihr ist Zeit komprimiert.
Für mich ist Fotografie nicht nur die Zeit, die zwischen Motiv und Fotograf:in fließt, sondern eine Brücke, die Menschen miteinander und mit sich selbst verbindet. Und ich glaube an die unendlichen Möglichkeiten dieser Verbindung.
cizucu Redaktion
Die »Überlagerung« der Mehrfachbelichtung ersetzt Worte und zeigt die Schichten der Emotionen. Zerbrechlich, suchend, fast betend – die Nachbilder der Bewegung spiegeln die Realität der Zeit mit der Krankheit wider. Die Fotografie wird zur »Brücke«, die einen stillen, aber kraftvollen Prozess der Wiederverbindung mit der Welt eröffnet.
暴龍’s Story
Foto von 暴龍
暴龍
📚 05
In einem glühend heißen Juli wurde ich eines Jahres entlassen.
Zum ersten Mal als Erwachsener hatte ich eine »Sommerpause« – eine Zeit der Leere.
Bevor ich den nächsten Schritt wagte, wollte ich mir erlauben, eine Weile zu suchen und zu zweifeln. Ich holte meine Kamera nach langer Zeit aus dem Trockenschrank, warf ein paar T-Shirts in die Tasche und stieg ohne Ziel in den Zug.
Die Stadt war wie immer geschäftig, Menschen eilten am Morgen durch die Straßen.
Und doch fühlte ich mich, als ich um zehn Uhr im Restaurant saß, von der Welt abgeschnitten.
Käse-Omelett und Schwarztee. Ein bescheidenes Frühstück. Die Inflation ist nach wie vor hart, aber ohne Essen verschwindet der Hunger nicht. Ich setzte die Kopfhörer auf und hörte Lin Qiang »Der einfache Mensch«. Ich wünschte, ich könnte auch so einfach sein.
Doch die Realität ist, dass Informationen unaufhörlich strömen.
Nachrichten, Gesellschaft, soziale Medien. Es bleibt keine Zeit zum Innehalten.
Gibt es in dieser Zeit wirklich noch »einfache Menschen«?
Der Zug fährt weiter nach Norden, nur die Landschaft wechselt.
Stadt, Fluss, Fabrik, Meer, Felder.
Nur im Moment des Auslösens kehrt der Atem zurück.
Dieses Pochen sagte mir leise:
Ich lebe noch.
cizucu Redaktion
Eine Reise, die im Verlust beginnt, findet ihre Lebendigkeit nicht in spektakulärer Rettung, sondern in den kleinen Momenten: dem Wandel der Landschaft, der Zeit im Restaurant, einer Musikzeile. Besonders bleibt der Satz: »Nur im Moment des Auslösens kehrt der Atem zurück.« Die Fotografie wird zum Medium, das das Gefühl von Leben mit stiller Wärme zurückbringt.
Abschließend
Wie hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?
Wir möchten den Blick auf jene Faszination richten, die sich nicht allein durch das Visuelle erschließt. »Read Your Photography« ist ein kuratorisches Projekt, das sich den Gedanken und Emotionen hinter den Fotografien widmet und sie als Geschichten erfahrbar macht.
Was wir sehen, ist nur ein Augenblick. Doch dahinter fließen unaufhörlich Zeit und unausgesprochene Gefühle.
Lesen Sie die Fotografien – und genießen Sie sie, als würden Sie Seite um Seite eines Buches aufschlagen.
So können Sie mitmachen
Auf cizucu’s werden gelegentlich »Fotothemen« gepostet.
Alles, was Sie tun müssen: Antworten Sie mit »Ihrer Aufnahme«, die zum Thema passt.
Die einzige Teilnahmebedingung: Folgen Sie cizucu auf den sozialen Netzwerken 💙
Unter den eingereichten Werken wählt die cizucu Redaktion aus
und benachrichtigt die ausgewählten Künstler:innen per Direktnachricht!
In »Read Your Photography« stellen wir auch Werke aus dem von cizucu kuratierten vor.
Vielleicht findet das ppp auch in Ihrem Land statt. Die Begegnungen, die allein durch die Liebe zur Fotografie entstehen, breiten sich derzeit weltweit aus.






