Durch Interviews mit Persönlichkeiten, die fotografische Ausdrucksformen aus einer eigenständigen Perspektive verfolgen, beleuchten wir die Ursprünge, Denkweisen und Schaffensprozesse und bieten so neue Inspirationen für Fotograf:innen und Fotomedien weltweit.
Die Ursprünge des künstlerischen Schaffens des in Frankreich tätigen Fotografen Julien Magre sowie seine zentralen Gedanken und Sichtweisen. Diese als zeitgenössisches Archiv in Worte zu fassen, wird einen Beitrag zur zukünftigen Fotokultur leisten.
Mit den folgenden „10 Fragen“ nähern wir uns dem Prozess, wie seine Ausdrucksformen Gestalt annehmen.

Julien Magre
Abschluss an der École nationale supérieure des Arts Décoratifs (ENSAD) in Paris im Jahr 2000 (Jahrgangsbester). Von 2017 bis 2025 war er bei der Galerie „Le Réverbère“ vertreten. 2022 wurde ihm einer der renommiertesten Fotopreise Frankreichs, der Prix Niépce, verliehen. Seine Arbeiten sind auf julienmagre.fr zu sehen.
Instagram: @julien__magre
Q1. Was sind die Ursprünge Ihrer Fotografie und wie sieht Ihre aktuelle Tätigkeit aus?
Ich habe etwa 1995 mit der Fotografie begonnen. Ursprünglich habe ich Grafikdesign studiert und an der École des Arts Décoratifs in Paris Fotografie gelernt.
Heute arbeite ich als Künstler und Fotograf. Neben Ausstellungen habe ich über zehn Fotobücher veröffentlicht. 2022 wurde ich mit dem Prix Niépce ausgezeichnet.

©︎ Julien Magre
Q2. Welches Element oder Thema ist Ihnen in Ihrer Arbeit am wichtigsten?
Mein zentrales Thema ist die „Familie“. Seit über 25 Jahren fotografiere ich meine Kinder (Louise, Suzanne, Paul) und Caroline, die Mutter meiner Kinder.

©︎ Julien Magre
Während ich weiterhin das persönliche und intime Feld der Familie erforsche, beschäftige ich mich in den letzten Jahren zunehmend mit dem Konzept des „Territoriums“ – unabhängig von dessen Größe. Zum Beispiel habe ich in der Atacama-Wüste in Chile gemeinsam mit dem Forscher Mathieu Gounelle und der Malerin Alexandra Roussopoulos gearbeitet.
Q3. Wie entstehen Ihre Arbeiten? Mich interessiert, welche Rolle Intuition, Zufall oder Entscheidungen vor Ort spielen.
In den meisten Fällen fotografiere ich nur Menschen aus meinem nahen Umfeld oder mir vertraute Orte. Seit 25 Jahren arbeite ich mit derselben Kamera und demselben Objektiv auf Film. Das ist eine ziemlich radikale Entscheidung, aber auch eine Methode, um die Welt mit derselben Perspektive und Präzision zu betrachten. Ich plane meine Aufnahmen nicht im Voraus, sondern folge meiner Intuition – und vor allem steht für mich der Spaß im Vordergrund.

©︎ Julien Magre
Q4. Was ist Ihr Antrieb, sich weiterhin auszudrücken?
Meine Arbeiten sind immer authentisch, es gibt keinerlei Inszenierung. Diese von mir geliebte „Realität“ ist unerschöpflich, überrascht mich immer wieder und schenkt mir unendliche Inspiration.
Für mich ist die Fotografie ein Weggefährte, fast wie ein enger Freund. Es gibt keinen Grund, mit dem Ausdruck aufzuhören.
Q5. Zeigen Sie uns Ihr Lieblingsbild. Erzählen Sie uns auch die Geschichte dahinter und warum Sie es ausgewählt haben.
Dies ist ein Bild meiner Tochter Louise, wie sie bei meinen Eltern ein Nickerchen macht. Das genaue Datum weiß ich nicht mehr, aber es war etwa 2010.
Es ist ein sanftes Foto, das von wunderbarem Licht durchflutet ist – ruhig und zugleich auf geheimnisvolle Weise besonders.

©︎ Julien Magre
Für mich verkörpert dieses Bild Erfüllung und Zärtlichkeit. Gleichzeitig gibt es im Hintergrund ein Schwarz, einen Abgrund oder bodenlosen Raum, der sich im zweiten Hintergrund öffnet – das verleiht dem Bild eine gewisse Rätselhaftigkeit und unterschwellige Unruhe. Gerade diese Koexistenz widersprüchlicher Stimmungen fasziniert mich und macht dieses Bild zu meinem Favoriten.
Q6. Welche Bedeutung hat Fotografie im Zeitalter der KI?
Auf den ersten Blick erscheint KI für mich als Bedrohung, nicht als Verbündete. Ich glaube fest an die Fotografie, ihre Menschlichkeit und ihre Zerbrechlichkeit.
Fotografie besitzt eine enorme Kraft, die Welt durch Wahrhaftigkeit, Körperlichkeit, Sensibilität und Poesie zu erzählen. Deshalb möchte ich mit ganzer Kraft kämpfen und weiterhin an die Fotografie und das „Lebendige“ glauben.

©︎ Julien Magre
Q7. Welche Entwicklungen oder Communities empfinden Sie in der französischen Szene als besonders wichtig?
Ich schätze beispielsweise die Fotograf:innen Dolores Marat und Antoine d’Agata sehr. Ihre Stile und Haltungen sind gegensätzlich, doch ihre starke Individualität fasziniert mich. Besonders in den Arbeiten von d’Agata spüre ich eine Dringlichkeit und Gewalt, die mich immer wieder tief berühren.

©︎ Julien Magre
Q8. Gibt es internationale Fotografieszene oder Kreative, die Sie inspirieren oder interessieren?
Ich fühle mich stark zu Fotograf:innen hingezogen, die Alltag, Familie und einen privaten Blick in ihren Arbeiten thematisieren. Zum Beispiel Nan Goldin, William Eggleston, Jim Goldberg, Emmet Gowin oder Robert Frank.
Q9. Was möchten Sie in Ihrem Leben am meisten verfolgen?
Das Leben selbst. Und die Liebe.

©︎ Julien Magre
Q10. Welche Botschaft möchten Sie aktuell an Kreative weltweit richten?
Lassen Sie uns weiter erschaffen. Lassen Sie uns die Welt weiterhin dokumentieren. Lassen Sie uns mit unserem bescheidenen Willen Widerstand leisten. Und ich möchte all den großartigen Künstler:innen danken, die diese Welt schöner und intensiver machen.

©︎ Julien Magre
Ich glaube an die Kraft der Kunst. Es ist ein stiller Kampf, aber eine bedeutende Kraft. Kunst ermöglicht es uns zu glauben, zu imaginieren und von einer besseren Welt zu träumen.

