Durch Interviews mit Persönlichkeiten, die fotografische Ausdrucksformen aus einer einzigartigen Perspektive verfolgen, beleuchten wir die Ursprünge, Denkweisen und kreativen Prozesse und bieten so neue Inspirationen für Fotograf:innen und Fotomedienschaffende weltweit.
Die Ursprünge des Schaffens von Edas Wong, Fotograf mit Sitz in Hongkong, sowie seine geschätzten Überzeugungen und Sichtweisen. Diese als Worte in der heutigen Zeit zu archivieren und zu bewahren, wird zweifellos einen Beitrag zur zukünftigen Fotokultur leisten.
Mit den diesjährigen „10 Fragen“ tauchen wir in den Prozess ein, wie seine Ausdrucksformen Gestalt annehmen.

Edas Wong
Street-Fotograf mit Sitz in Hongkong
Instagram : @edaswong
Q1. Was ist der Ursprung deiner Fotografie und wie sieht deine aktuelle Tätigkeit aus?
Als ich mit der Fotografie begann, stand vor allem das Festhalten von Alltagsszenen und Reiseimpressionen mit meiner damaligen Freundin (heute meine Frau) im Mittelpunkt. 2012, als ich als Ingenieur in der F&E in Schweden tätig war, wünschte ich mir ein künstlerisches Hobby, um ein Gleichgewicht im Leben zu schaffen. So griff ich ganz ungezwungen zur Kamera und begann, auf der Straße zu fotografieren.
Inzwischen fotografiere ich seit 14 Jahren kontinuierlich. In letzter Zeit bin ich hauptsächlich an den Wochenenden auf den Straßen unterwegs, aber wenn ich auch unter der Woche Lust habe, gehe ich in der Mittagspause oder nach Feierabend hinaus zum Fotografieren.

©︎ Edas Wong
Q2. Welches Element oder Thema ist dir in deinen Arbeiten am wichtigsten?
Meine Street-Fotografie ist sehr improvisiert; ich lege im Vorfeld keine bestimmten Themen oder Elemente fest. Am meisten fasziniert mich das Beobachten von Beziehungen in meiner Umgebung – zwischen Menschen, zwischen Mensch und Objekt, oder auch zwischen Objekten selbst. Im Kern meiner Street-Fotografie steht das Erfassen dieser „Beziehungen zwischen allem“.

©︎ Edas Wong
Auch ohne ein klares Thema dreht sich mein kreativer Prozess immer um das tägliche Leben. Lebenserfahrung prägt die Art der Beobachtung – so wie jemand, der unter Haarausfall leidet, unbewusst auf alles rund ums Haar achtet, entstehen manchmal bestimmte Motive als Serien, ohne dass man es merkt.
Q3. Wie entstehen deine Werke? Mich interessiert, wie Intuition, Zufall oder Entscheidungen vor Ort in deinen kreativen Prozess einfließen.
Es gibt keine besonderen Techniken in meinem Schaffensprozess. Im Mittelpunkt steht das „Beobachten“.
Ich beobachte konzentriert und tiefgehend und warte darauf, dass ein „mentaler Impuls“ mich erreicht. Interessante Momente entstehen manchmal ganz plötzlich – dann drücke ich schnell auf den Auslöser.
Wenn ich einen Moment verpasse, muss ich vielleicht warten, bis sich eine ähnliche Situation wiederholt.

©︎ Edas Wong
Das Wichtigste für ein gutes Werk ist Originalität. Und diese entsteht nicht durch „Suche“, sondern aus der Beobachtung heraus. Das Suchen bezieht sich oft auf bereits Geschaffenes und führt dazu, Ähnliches zu finden – das ist nicht originell.
Deshalb sollte man beim Beobachten nicht zu viel nachdenken. Es ist wichtig, die Dinge so zu lassen, wie sie sind.
Q4. Was ist der Antrieb, der dich zum Weitermachen bewegt?
Liebe und Selbstheilung. Ich liebe es, kreativ zu sein. Aber Street-Fotografie im Sommer in Hongkong ist wirklich hart – man ist schweißgebadet. Ohne Liebe könnte ich das nicht durchhalten.

©︎ Edas Wong
Kreativität ist für mich auch ein Weg, den Kopf frei zu bekommen. Normalerweise bin ich voller Gedanken und Unruhe, aber wenn ich einfach nur beobachte, ohne etwas zu denken, spüre ich eine Art Selbstheilung. Es ist fast wie Meditation.
Q5. Zeig uns dein Lieblingsbild und erzähle die Geschichte oder den Grund, warum du es ausgewählt hast.
Es gibt ein Bild, auf dem der Kopf einer Person nicht zu sehen ist – tatsächlich wurde es in Japan aufgenommen. An diesem Tag war ich nach dem Hanami im Tokyo Dome City auf dem Rückweg zur Bahn. Etwa 50 Meter vor mir sah ich eine „kopflos“ wirkende Person und war im ersten Moment ziemlich überrascht.

©︎ Edas Wong
Bei genauerem Hinsehen stellte ich fest, dass der Hut mit der Wand verschmolz und so die Illusion entstand, der Kopf sei verschwunden. Ich bin dann fast im Laufschritt näher gekommen und habe schnell den Auslöser gedrückt.
Q6. Welche Bedeutung hat Fotografie im Zeitalter der KI?
Für mich ist KI – wie die Kamera – lediglich ein „Werkzeug“. KI kann durch Eingabe von Stichworten grafische Bilder generieren, aber eine Kamera benötigt einen „realen Moment“, um durch das Auslösen ein Foto zu erschaffen.
Wenn es um schöne Landschaften oder Porträts geht, kann KI manchmal sogar bessere Ergebnisse liefern.

©︎ Edas Wong
Doch im Bereich des Fotojournalismus oder der originären Fotografie kann KI kein Ersatz sein. Für Nachrichten ist die Wahrheit entscheidend, und von KI generierte Bilder sind „Fiktion“, keine Realität.
Originalfotografie erfordert echte Ideen, während KI nur Bestehendes lernt und erweitert – sie besitzt (noch) keinen Geist.
Q7. Welche Bewegungen oder Communities empfindest du in der Hongkonger Szene als besonders wichtig?
In der Fotoszene Hongkongs dreht sich vieles um Technik, und der fotografische Stil ist oft auf ästhetische „Schönheit“ beschränkt. Doch Fotografie hat viele Facetten – sie kann das persönliche Leben dokumentieren oder als Medium für originellen künstlerischen Ausdruck dienen.
Ich persönlich glaube, dass Bildung eine wichtige Rolle spielt, wenn es darum geht, Kindern und jungen Menschen die vielfältigen Möglichkeiten der Fotografie näherzubringen und sie zum Erkunden zu ermutigen.
Q8. Gibt es internationale Fotoszenen oder Kreative, die dich besonders inspirieren?
Als ich mit der Street-Fotografie begann, waren die Fotograf:innen von Magnum Photos und die Diskussionen auf Flickr meine größten Inspirationsquellen.

©︎ Edas Wong
Q9. Was ist das, was du dein Leben lang verfolgen möchtest?
Ich glaube, es lohnt sich, ein Leben lang danach zu streben, frei vom Ego zu werden.
Mit zunehmendem Alter neigt man dazu, sich stärker an das eigene Selbst zu klammern. Doch wenn man sich davon befreit, wirkt sich das nicht nur auf die eigene Lebensweise und den Umgang mit anderen aus, sondern auch positiv auf den fotografischen Ausdruck. Die Beobachtung wird objektiver und die Kreativität wächst ganz natürlich.
Q10. Welche Botschaft möchtest du aktuell an Kreative weltweit richten?
Ich glaube, Beobachtung ist der Ausgangspunkt von allem.

