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Das weltweit älteste Fachmagazin für Fotografie: British Journal of Photography beantwortet „10 Fragen“ | ISSUE #235

By cizucu ·

Das weltweit älteste Fachmagazin für Fotografie: British Journal of Photography beantwortet „10 Fragen“ | ISSUE #235

©︎ British Journal of Photography

Durch Interviews mit Persönlichkeiten und Medien, die fotografische Ausdrucksformen aus einer eigenen Perspektive verfolgen, werden die Ursprünge, Denkweisen und kreativen Prozesse des Schaffens vertieft, um Fotograf:innen und Fotomedien weltweit neue Inspiration zu bieten.

Das British Journal of Photography ist das weltweit älteste kontinuierlich erscheinende Fachmagazin für Fotografie. Die Ursprünge, die Philosophie und die Perspektiven dieses Mediums als zeitgenössisches Archiv zu bewahren, ist ein Beitrag zur Zukunft der Fotokultur.

In dieser Ausgabe stellen wir der Redakteurin Diane Smyth vom British Journal of Photography „10 Fragen“ und beleuchten den Prozess, wie ihre Ausdrucksformen Gestalt annehmen.

Information
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@ British Journal of Photography

British Journal of Photography

Das British Journal of Photography (BJP), gegründet 1854, ist das weltweit am längsten erscheinende Fachmagazin für Fotografie. Heute erscheint es viermal jährlich in Print und publiziert zudem online über die Website und soziale Medien. Mit einem Blick, der zwischen Vergangenheit und Gegenwart pendelt, stellt das Magazin aktuelle fotografische Positionen und Entwicklungen vor und fördert den Diskurs.

Instagram: @bjp1854

Q1. Das British Journal of Photography (BJP) wurde 1854 gegründet und ist seit über 170 Jahren eine Plattform für Fotojournalismus und Kritik. Was halten Sie für das Wichtigste, um eine so traditionsreiche Publikation zu erhalten und weiterzuentwickeln?

So widersprüchlich es klingen mag: Je länger ich mit einem traditionsreichen Medium arbeite, desto stärker verspüre ich den Wunsch, mich intensiv mit den aktuellen fotografischen Ausdrucksformen auseinanderzusetzen.
Als das Magazin gegründet wurde, war Fotografie ein neues Medium, und die Leserschaft formte mit der aufkommenden Technik neue Sichtweisen auf die Welt. Deshalb ist es für uns essenziell, neue Technologien, die Produktion und Distribution betreffen, offen zu begegnen und kontinuierlich zu hinterfragen, wie diese unser Umfeld und unsere Beziehungen zu anderen verändern.

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@ British Journal of Photography

Gleichzeitig reflektieren wir stets, wie sich das BJP von seiner Vergangenheit unterscheiden möchte. Früher war das BJP von einer wohlhabenden weißen Männergemeinschaft getragen und nicht frei von den Werten der imperialistischen Epoche.

Ich selbst bin Mutter, die zweite weibliche Chefredakteurin und stamme aus Nordirland. Dass das BJP die Überbleibsel dieser alten Zeit überwindet und vielfältigere Geschichten und Perspektiven zulässt, ist für die Kontinuität und Weiterentwicklung unerlässlich.

Q2. Das BJP organisiert zahlreiche Awards und Initiativen wie Portrait of Humanity, Portrait of Britain, Female in Focus und OpenWalls. Welche Veränderungen oder Chancen möchten Sie durch diese Programme für die Fotografie-Community schaffen?

Vorab möchte ich betonen, dass all diese Initiativen von meiner Kollegin Zoe Harrison geleitet werden, deren Arbeit ich sehr schätze. Allen Programmen gemeinsam ist, dass sie auf positive Veränderungen abzielen.

So verfolgt „Female in Focus“ das Ziel, Künstlerinnen und Künstlern, die sich als weiblich identifizieren und in vielen Bereichen noch immer unterrepräsentiert sind, mehr Möglichkeiten zu eröffnen. „OpenWalls“ bietet Künstler:innen die Chance, ihre Werke während des Fotofestivals in Arles zu präsentieren.

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@ British Journal of Photography

Bei „Portrait of Britain“ nutzt das BJP öffentliche Werbetafeln von JCDecaux, um Porträts von Menschen, die in Großbritannien fotografiert wurden, zu zeigen. Das spiegelt die lebendige multikulturelle Gemeinschaft wider, in der wir leben. Gerade in einer Zeit, in der politische Rhetorik zunimmt, kann „Portrait of Britain“ einen positiven gesellschaftlichen Impuls setzen.

Q3. „Ones to Watch“ ist eine wichtige Plattform, um aufstrebende Fotograf:innen einem internationalen Publikum vorzustellen. Nach welchen Überlegungen und Kriterien erfolgt die Auswahl?

Die Künstler:innen von „Ones to Watch“ werden auf Empfehlung von Nominator:innen aus aller Welt ausgewählt. Diese investieren viel Zeit und Netzwerk, um uns aufstrebende Bildschaffende vorzustellen. Aus diesen Empfehlungen wählen wir schließlich 15 Personen aus – ein anspruchsvoller, aber sehr bereichernder Prozess.

Bei der Auswahl achten wir darauf, möglichst viele Regionen und unterschiedliche Ansätze einzubeziehen. „Aufstrebend“ bedeutet dabei nicht zwingend jung an Jahren: In den letzten Jahren haben wir etwa Künstler:innen aus der Dalit-Gemeinschaft Indiens vorgestellt, die aufgrund schwieriger Umstände länger für ihre Karriere brauchten, oder eine Mutter aus Bangladesch, die erst nach der Selbstständigkeit ihrer Kinder mit der künstlerischen Arbeit begann.

Besonders berühren mich aktuell sehr junge Bildschaffende aus Ländern wie der Ukraine oder Palästina, die auf die Konflikte in ihrer Heimat mit künstlerischer Arbeit reagieren.

Q4. Das BJP hat mit Institutionen und Kulturorganisationen wie der Bodleian Library × BJP Commission kooperiert. Wie erweitern solche Partnerschaften die Rolle der Fotografie in Gesellschaft und Kultur?

Solche Partnerschaften verleihen Fotograf:innen das Gewicht und die Glaubwürdigkeit von Institutionen wie der Bodleian Library. Gleichzeitig ermöglichen sie es, Werke und Bilder in Archive aufzunehmen und langfristig zu bewahren. In der Zusammenarbeit mit dem British Council konnten wir in einer Zeit, in der nationale Identität so stark wie nie zuvor hinterfragt wird, Debatten über Identität anstoßen. Wir haben untersucht, wie Fotografie sowohl zur Kontrolle als auch zur Erweiterung von Identität eingesetzt wurde.

Auch wir als Medium bieten Institutionen einen Mehrwert, indem wir direkten Kontakt zu zeitgenössischen Künstler:innen und deren Energie und Visionen ermöglichen. Am Ende profitieren alle Beteiligten, einschließlich der Bildschaffenden.

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@ British Journal of Photography

Q5. Das BJP ist nicht nur ein Medium für die Veröffentlichung fotografischer Werke, sondern auch ein Forum für Kritik, Journalismus, Interviews und Fotobuchrezensionen. Wie sehen Sie das Verhältnis von Fotografie und Text?

Wir interessieren uns sehr dafür, die Intentionen von Künstler:innen und Kurator:innen herauszuarbeiten, wissen aber auch, dass die Rezeption durch das Publikum nicht immer damit übereinstimmt. Deshalb vermeiden wir es, den Leser:innen eine starke Interpretation vorzugeben, sondern möchten ihnen Raum für eigene Sichtweisen lassen.

Fotografie und Text können manchmal ähnlich funktionieren, manchmal aber auch völlig unterschiedlich – diese Unterschiede beschäftigen uns immer wieder.

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@ British Journal of Photography

Ich mag ein Zitat des Schriftstellers und Fotografen Hervé Guibert, das auch in der Ausstellung „Love Songs“ 2022 im MEP (Maison Européenne de la Photographie) aufgegriffen wurde:

„Wenn ich schreibe, gibt es keine Bremse, keine Zurückhaltung, denn es steht im Wesentlichen nur meine Person auf dem Spiel. In der Fotografie hingegen erscheinen die Körper anderer, Verwandte und Freunde. Das macht mich immer ein wenig nervös …“

Q6. Angesichts der rasanten Verbreitung KI-generierter Bilder: Welche Haltung nimmt das BJP aus Sicht der Fotokritik und des Fotojournalismus ein? Wie begegnet das Magazin diesem technologischen und kulturellen Wandel?

Künstliche Intelligenz ist ein sehr großes Thema. Für Bildproduktionen, bei denen die „indexikalische Verbindung zur Welt“ – wie etwa in der Dokumentarfotografie – zentral ist, kann KI eindeutig negative Auswirkungen haben. Auch in Bezug auf Urheberrechte und Einkommenssicherung hat sie große Auswirkungen auf Künstler:innen.

Gleichzeitig stellen wir spannende Projekte wie das von Bharat Sikka vor, der KI mit eigenen Bildern trainiert und die Möglichkeiten und Implikationen generierter Bilder erforscht. Zudem führen wir Interviews mit Expert:innen, um zu verstehen, wie die Technologie funktioniert und welche Ideologien darin eingeschrieben sind.

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@ British Journal of Photography

Persönlich habe ich das Gefühl, dass der durch die Fotografie etablierte „bildzentrierte Weltzugang“ sich durch KI noch weiter beschleunigt. Denker wie Jean Baudrillard oder Guy Debord haben dies bereits früher thematisiert.

Q7. Das BJP publiziert sowohl digital als auch als Printmagazin. Welche Bedeutung und welchen Wert messen Sie gedruckten fotografischen Publikationen heute noch bei?

Digitale Medien sind schnell und geografisch wie finanziell leicht zugänglich. Deshalb freuen wir uns, Werke online präsentieren zu können. Print hingegen ermöglicht eine reflektiertere Präsentation und bietet eine höhere Langlebigkeit. Gerade diese Eigenschaft des „Bleibens“ ist sehr faszinierend.

In einer Zeit, in der Unterseekabel gekappt oder Artikel aktualisiert und gelöscht werden, ist es wichtig, etwas Bleibendes in der Welt zu schaffen. Auch unser Magazin wird in vielen Archiven und Institutionen aufbewahrt. Wie zukünftige Forschende es nutzen werden, wissen wir nicht – aber allein, dass es als Option erhalten bleibt, ist wertvoll.

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@ British Journal of Photography

Q8. Durch enge Verbindungen zu Festivals und Institutionen wie Arles oder KYOTOGRAPHIE beobachtet das BJP die globale Fotoszene aus einer eigenen Perspektive. Wie nehmen Sie Veränderungen auf internationaler Ebene wahr? Gibt es Regionen, Communities oder Bewegungen, denen Sie besondere Aufmerksamkeit schenken?

Die Verbindung zu KYOTOGRAPHIE ist noch recht neu, und ich freue mich sehr darauf. Besonders engagieren wir uns bei „KG+ Select“, einer Initiative zur Förderung aufstrebender Bildschaffender aus Japan und der ganzen Welt.

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@ British Journal of Photography

Am spannendsten finde ich international die Rolle von Künstler:innen außerhalb des Westens, die die Frage „Was ist Fotografie und was kann sie sein?“ neu stellen. Wenn Fotografie westliche Erkenntnistheorie verkörpert, können Künstler:innen aus anderen kulturellen und philosophischen Traditionen – trotz der Einflüsse westlicher Globalisierung und Bildkultur – diese Technik umdeuten, unterwandern und neu nutzen.

In letzter Zeit denke ich, dass auch die Fotograf:innen der Provoke-Bewegung in diesem Kontext gesehen werden können: Sie stellten die ihnen aufgezwungene „Art des Sehens“ sowohl philosophisch als auch ganz konkret in Frage.

Q9. Als Publikation mit über 170 Jahren Archiv: Wie verbindet das BJP sein historisches Erbe mit der zeitgenössischen fotografischen Praxis? Welche Ansätze oder Initiativen fördern den Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart?

Bisher haben wir unser Archiv nicht ausreichend genutzt, aber inzwischen überlegen wir, wie wir es etwa im Rahmen von Künstler:innen-Kommissionen stärker einbinden können. Die Rückkehr zu alten Texten ist immer wieder eine frische und spannende Erfahrung.

Als Sebastião Salgado verstarb, haben wir frühere Interviews mit ihm erneut gelesen und konnten seine Werke durch seine eigenen Worte beleuchten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Kritik an seinem Ansatz bereits damals existierte.

Q10. Abschließend: Welche Botschaft möchten Sie als aktuelles British Journal of Photography Fotograf:innen und Kreativen weltweit mitgeben?

Fotografie und andere lensbasierte Medien sind für mich die Medien unserer Zeit schlechthin. Das zeigt sich nicht nur bei internationalen Kunstfestivals wie der Biennale von Venedig, sondern auch im Fluss der Bilder in Journalismus und sozialen Medien.

Mich hat kürzlich die Modenschau „GucciCore 2027“ beeindruckt, bei der die riesigen Werbetafeln am Times Square von GUCCI dominiert wurden. Dieses nach wie vor geheimnisvolle Medium prägt maßgeblich unsere Sicht auf die Welt. Um das zu verstehen, ist es unerlässlich, sich mit Fotografie auseinanderzusetzen und sich aktiv einzubringen.

Darüber hinaus ist es wichtiger denn je, dass es Menschen mit visueller Kompetenz gibt, die verstehen, wie diese Technologien funktionieren. Wie viele andere kreative Branchen ist auch die Fotografie ein schwieriges Feld, um den Lebensunterhalt zu sichern – aber Bildschaffende und Künstler:innen sind zentrale Denker:innen der globalen Gegenwartsgesellschaft.

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@ British Journal of Photography

Solche Szenen führen uns vor Augen, wie Bilder unsere Werte und unsere Sicht auf die Welt prägen. Deshalb ist es wichtig, sich weiterhin mit Fotografie auseinanderzusetzen. Gleichzeitig wird die Fähigkeit, zu erkennen, wie Bilder entstehen und verbreitet werden – die „visuelle Kompetenz“ – immer bedeutender.

Es ist nicht einfach, mit Fotografie den Lebensunterhalt zu verdienen, doch Bildschaffende und Künstler:innen sind unverzichtbar für das Nachdenken über die heutige Gesellschaft.

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