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10 Fragen an die herausragende deutsche Fotografin Ute Mahler | ISSUE #210

By cizucu ·

10 Fragen an die herausragende deutsche Fotografin Ute Mahler | ISSUE #210

©︎ Ute Mahler

Durch Interviews mit Fotograf:innen, die mit einer eigenständigen Perspektive fotografische Ausdrucksformen erforschen, beleuchten wir die Ursprünge, Denkweisen und Schaffensprozesse kreativer Arbeit und liefern neue Inspirationen für Fotograf:innen und Fotomedien weltweit.

Die Ursprünge des künstlerischen Schaffens der in Deutschland tätigen Fotografin Ute Mahler sowie die von ihr geschätzten Denkweisen und Perspektiven zu archivieren und für die Gegenwart festzuhalten, bedeutet, einen Beitrag zur zukünftigen Fotokultur zu leisten.

Mit den folgenden „10 Fragen“ nähern wir uns dem Prozess, wie ihre Ausdrucksformen Gestalt annehmen.

Information
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©︎ LiaDarjes

Ute Mahler

Mein Hintergrund ist tief in der Tradition der Dokumentarfotografie verwurzelt, und ich war stets auf der Suche nach dem „wahren“ Moment. Als Mitbegründerin der Agentur OSTKREUZ habe ich über Jahrzehnte hinweg das Leben in Deutschland und darüber hinaus dokumentiert. Mein Ansatz ist geprägt von einem tiefen Interesse an Menschen, ihren Umgebungen und gesellschaftlichen Bruchlinien. Von meinen frühen Modearbeiten bis zu den aktuellen Langzeitprojekten mit Werner Mahler ist es mein Ziel, die poetische Essenz der Realität einzufangen.

Instagram : @uwmahler

F1. Was sind die Ursprünge Ihrer Fotografie und wie sieht Ihre aktuelle Tätigkeit aus?

Fotografie war schon immer ein Teil meines Lebens. Ich habe bereits als Kind fotografiert, stark beeinflusst von meinem Vater, der selbst Fotograf war. Einen anderen Weg als die Fotografie habe ich nie in Erwägung gezogen. Nach meinem Studium der Fotografie in Leipzig arbeitete ich freiberuflich und verfolgte von Anfang an neben Auftragsarbeiten auch persönliche Projekte.

Zu DDR-Zeiten fotografierte ich Mode für das Kultur- und Modemagazin „Sibylle“, und nach 1990 produzierte ich als Fotojournalistin zahlreiche Porträts und Fotoessays im Auftrag des Magazins „Stern“. 2008 habe ich die kommerzielle Fotografie aufgegeben, unterrichte als Professorin für Fotografie und widme mich seither ganz meiner künstlerischen Arbeit. Auch heute arbeite ich gemeinsam mit Werner Mahler und als Teil eines Künstlerkollektivs intensiv an neuen Projekten.

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©︎ Ute Mahler

F2. Was sind die wichtigsten Elemente oder Themen in Ihren Arbeiten?

Mein Interesse galt immer dem Menschen – sowohl als Individuum als auch als Teil einer Gemeinschaft.
Mein erstes großes Werk, die Serie „Living Together (Zusammenleben)“, habe ich über 18 Jahre hinweg verfolgt. Die Intensität variierte je nach Jahr, aber ich habe mir stets viel Zeit für die Aufnahmen genommen. Ich wollte, dass die Menschen mir vertrauen und sich in ihrer Umgebung natürlich bewegen, anstatt für mich zu posieren.

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©︎ Ute Mahler

Schließlich strebte ich danach, dass die Menschen vergessen, dass ich Fotografin bin, und mich als Mensch wahrnehmen. In dieser Serie wurde nichts inszeniert. Es wäre langweilig gewesen, anderen meine Vorstellungen aufzuzwingen.

Ich wollte entdecken, wie Menschen leben, sich im Raum bewegen und miteinander interagieren. Das wollte ich fotografisch festhalten. Natürlich gab es in der Modefotografie auch Inszenierungen, aber es war großartig, beide Ansätze gleichzeitig anwenden zu können.

F3. Wie entstehen Ihre Werke? Erzählen Sie uns von Intuition, Zufall und Entscheidungen vor Ort im kreativen Prozess.

In meinem Kopf gibt es immer Themen, die ich erforsche. Beim Fotografieren nehme ich mir die Zeit, die das Thema und ich selbst benötigen. Manchmal ist ein Projekt schnell abgeschlossen, aber das ist eher selten.

Meistens arbeite ich über viele Jahre hinweg an einem Thema. Wenn mich etwas tief interessiert und ich das Gefühl habe, es noch nicht zu kennen, kann daraus ein Thema werden. Ich überlege, ob es gesellschaftlich relevant, sehr persönlich oder beides zugleich ist. Und ich versuche herauszufinden, warum ich genau dieses Motiv, diese Menschen, dieses Thema fotografieren möchte.

Danach entwickle ich ein ästhetisches Konzept und beginne mit den Aufnahmen. Gleichzeitig ist es mir wichtig, Raum für Zufälle zu lassen. Ich liebe es, von Zufällen überrascht zu werden. Subjektive, präzise, aber nicht alles preisgebende Fotografien gefallen mir sehr – Bilder, die noch ein Geheimnis in sich tragen.

F4. Was ist Ihr Antrieb, sich künstlerisch auszudrücken?

Es gibt noch so viel zu entdecken und zu sehen. Ich bin sehr neugierig und liebe es, Fotografin zu sein. Fotografie ist ein Protokoll von Erfahrungen, ein Tagebuch des Lebens. Wenn ich meine Fotos betrachte, lese ich sie wie ein Tagebuch. Ich lese mein eigenes Leben.

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©︎ Ute Mahler

Sogar wenn ich Porträts von Fremden mache, steckt immer ein Teil von mir darin. Ich liebe es auch, Geschichten zu erzählen. Deshalb ist es mir wichtig, meine Arbeiten in Ausstellungen oder Fotobüchern zu präsentieren. Durch die Anordnung der Bilder und das Schaffen von Sequenzen entsteht ein Dialog zwischen den Fotografien, der meine Geschichten noch lebendiger macht.

F5. Zeigen Sie uns Ihr Lieblingsbild und erzählen Sie die Geschichte dahinter sowie den Grund Ihrer Wahl.

Für mich ist es nahezu unmöglich, ein „Lieblingsbild“ zu benennen. Ich liebe alle Fotos, die ich im Labor ausgewählt und vergrößert habe, auch wenn sie nicht alle die gleiche Intensität oder Bedeutung haben.
Die analoge Fotografie ist mein Arbeitsfeld, und ich erinnere mich bei jedem Bild an die Begegnungen und Ereignisse, die damit verbunden sind. Vielleicht, weil die Arbeit in der Dunkelkammer so mühsam ist, die Chemikalien so stark riechen und die Zeit im Dunkeln so lang ist.

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©︎ Ute Mahler

Wenn ich dennoch ein Bild auswählen müsste, wäre es das Foto von vier Zirkuskindern. Ich habe es unzählige Male betrachtet, gedruckt und die Barytabzüge von Hand retuschiert. Dennoch spüre ich immer noch die Präsenz der Kinder, die wunderbaren Grauabstufungen und das magische Gefühl, das ich 1973 beim Fotografieren empfand.

F6. Welche Bedeutung hat Fotografie im Zeitalter der KI?

Ich denke, dass ganze Arbeitsbereiche, insbesondere technisch-routinemäßige Tätigkeiten, durch KI ersetzt werden. Doch Kunst entsteht durch Künstler:innen, durch Individuen, die denken, fühlen und ihre eigenen Erfahrungen in das Werk einbringen. Gerade die Subjektivität birgt ein großes Potenzial.

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©︎ Ute Mahler

F7. Welche Entwicklungen oder Communities empfinden Sie in der deutschen Fotoszene als besonders wichtig?

Wenn über deutsche Fotografie gesprochen wird, denken viele an international bekannte Künstler:innen wie August Sander, Bernd & Hilla Becher oder Andreas Gursky.
Hier finden sich sowohl dokumentarische als auch künstlerische Fotografie. Viele Fotograf:innen legen Wert auf die Arbeit in Serien. Gleichzeitig gibt es im Journalismus und in angewandten Bereichen zahlreiche talentierte Fotograf:innen.

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©︎ Ute Mahler

Auch in den großen Kunstmuseen werden Fotografien ausgestellt und als wichtiger Teil der Kunst anerkannt. Besonders hervorheben möchte ich in Berlin das C/O Berlin. Dieser Ausstellungsraum präsentiert regelmäßig international führende Fotograf:innen und bietet zugleich neuen Talenten und Trends eine Bühne. Die erstaunlich hohen Besucherzahlen zeugen von dem großen Interesse an diesem Medium.

F8. Gibt es internationale Fotoszenen oder Kreative, die Sie inspirieren oder interessieren?

Gute Fotografie inspiriert mich. Mein ganzes Leben lang war ich fasziniert von den Arbeiten meiner Kolleg:innen, weil sie ihren Motiven eine eigene Sichtweise verleihen und diese auf erstaunlich schöne Weise ausdrücken.

Ich habe keinen „einzigen Helden“. Was mir im Gedächtnis bleibt, sind immer die Bilder selbst und ihre Intensität. In verschiedenen Lebensphasen war ich für unterschiedliche fotografische Ausdrucksformen offen – weil sie mit meiner eigenen Welt und meinen damaligen Gedanken und Gefühlen verbunden waren.

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©︎ Ute Mahler

Es gibt jedoch Werke, denen ich stets mit Respekt und Bewunderung begegne: Josef Koudelkas „Exiles“, Chris Killipps „In Flagrante“. Und als ich zum ersten Mal Masahisa Fukases Fotobuch „Ravens“ sah, war ich überwältigt. Die Kraft von Emotion und Metapher ist enorm. Ein großartiges Werk. Für mich ist dieses Buch bis heute das beste Fotobuch aller Zeiten.

F9. Gibt es etwas, das Sie unbedingt im Leben verwirklichen möchten?

Das Wichtigste in meinem Leben ist meine Familie. Und meine Neugier. Offen zu bleiben für alles, was kommt.

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©︎ Ute Mahler

F10. Welche Botschaft möchten Sie aktuell an Kreative weltweit richten?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Meine Antwort ist ganz einfach: Glauben Sie weiterhin an die Fotografie.

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