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By cizucu ·

Cover photo by hikaru masamiya
Die Reihe „ISSUE“ widmet sich der vertieften Auseinandersetzung mit der Sensibilität und Denkweise von Kreativen aus aller Welt – ein Impuls für neue Inspiration.
In „ISSUE #2“ stellen wir der in Tokio ansässigen Art Directorin Masamiya Hikaru zehn Fragen und nähern uns so ihren vielfältigen Wurzeln, ihrer einzigartigen Sichtweise und ihren Ausdrucksformen.
Meine Mutter ist Chinesin, mein Vater Australier, aber ich bin als Japanerin in Tokio geboren und aufgewachsen (lacht). Heute arbeite ich in Tokio als Art Directorin und Designerin und leite die Marke „aesthesia“.
Schon als Kind liebte ich das Zeichnen und war wohl bekannt dafür, überall zu malen (lacht). Nach dem Abitur bin ich als Backpackerin um die Welt gereist – eine Erfahrung, die auch heute noch meine Arbeit prägt.
Der Auslöser für die Weltreise war eine Zwischenprüfung in der Schule.
Während des Tests saß ich ganz hinten, legte plötzlich den Stift weg und beobachtete meine Mitschüler:innen vor mir. Natürlich, alle sahen gleich aus, trugen dieselbe Uniform und lösten gleichzeitig denselben Test.
Gerade weil ich die Individualität und innere Schönheit der Menschen vor mir kannte, fand ich diese Situation interessant. Damals spürte ich Angst davor, dass das Leben nach dem „vorgezeichneten Weg“ dazu führen könnte, die eigene Individualität zu verlieren.
Ich dachte, es wäre viel spannender, wenn jede:r auf eigene Weise antworten würde (lacht).
Mit diesem Erlebnis begann ich, meinen Weg mit einem weiteren Blickwinkel zu betrachten. Ich kam zu dem Schluss, dass ich nicht nur Japan, sondern auch mir unbekannte Werte, Kulturen und die Welt kennenlernen wollte – obwohl ich kein Englisch sprach, entschied ich mich: „Ich gehe hinaus in die Welt!“
Dadurch habe ich gelernt, dass es unzählige „Werte“ gibt, die sich je nach Ort, Kultur und Umfeld unterscheiden, und dass sich die Denkweise in einem anderen Land um 180 Grad drehen kann. Gleichzeitig habe ich aber auch erkannt, dass das Wesentliche überall auf der Welt gleich bleibt.
Während meiner Weltreise habe ich als Modejournalistin Straßenmode fotografiert und – damals noch Amateurfotografin – sogar auf internationalen Fashion Weeks fotografiert (lacht).
Seit dieser Zeit besuche ich auch Ausstellungen zu Mode, Malerei und Fotografie.
Was Fotografie betrifft, war ich mit 20 Jahren auf einer Ausstellung von Jean-Paul Goude in Mailand („So Far So Goude“), die mich tief beeindruckt hat – woher kommen solche Ideen?
Das ist wohl die prägendste Erfahrung, die ich im Rahmen der Fotografie gemacht habe.

Als Modejournalistin
image by hikaru masamiya
Ich habe keine bewusste Erinnerung an mein erstes Foto. Wahrscheinlich habe ich schon vor meiner Erinnerung fotografiert.
Meine Mutter hatte immer eine Kamera dabei, deshalb denke ich, dass ich schon vor meinen ersten Erinnerungen eine Kamera in die Hand gedrückt bekam und fotografierte.
Als Kind liebte ich aber vor allem das Zeichnen.
Auch heute noch sehe ich Fotografie eher als eine technische Disziplin, vielleicht mit einem gewissen Ingenieursgeist – es ist auch etwas Mechanisches.
Abstrakt gesagt: Fotografie ist für mich das „Erfassen des Äußeren“, Malerei das „Ausstrahlen des Inneren“.
Deshalb schaue ich beim Blick durch den Sucher nicht einfach auf die Außenwelt, sondern drücke mich intuitiv durch den Blick auf das Bild aus.
Wie sich ein Foto als Bild weiterentwickeln lässt, darüber habe ich wohl schon immer nachgedacht.
Solange es sich nicht um ein aufwendig inszeniertes Werk handelt, bin ich nicht besonders auf Equipment fixiert.
Auch wenn ich beruflich Videos drehe, schneide ich oft einzelne Frames daraus als Fotos heraus.
Das liegt wohl daran, dass ich die besondere Ästhetik von Filmen mag und das Extrahieren eines Moments aus einem Video für mich eine besondere Atmosphäre einfängt. Vielleicht ist es gerade das, was meine Herangehensweise ausmacht (lacht). Im Grunde genommen sind beides Frames.
Für Videoaufnahmen nutze ich meist die „Pocket Cinema Camera“ von Blackmagic, einem australischen Hersteller.
Für den Alltag mag ich 35mm-Film-Sofortbildkameras. Die Haptik ist mir wichtig, aber auf die Marke lege ich weniger Wert.
Im Alltag ist mir bei Kameras „Natürlichkeit und Spontaneität“ wichtig – ich will sie einfach aus der Tasche ziehen und den Moment festhalten.
Im Nachhinein denke ich, dass mein Interesse an 35mm-Sofortbildkameras von dem Fotografen Hiroyuki Koshikawa beeinflusst wurde, den ich während meiner Weltreise in der Ukraine traf und der mich fotografierte.
Damals hatte ich auch eine 35mm-Kamera, die MINOLTA Riva ZOOM, die ich in einem Antiquitätengeschäft während der Weltreise gefunden hatte. Nach der Rückkehr war sie leider kaputt, und jetzt nutze ich als Nachfolger eine Canon autoboy 3.

Ein Bild von der Weltreise
image by hikaru masamiya
Ich mag den Dichter und Musiker Londrelle schon, bevor er bekannt wurde, und höre ihn aktuell oft.
Was ich an ihm schätze: Seit fünf Jahren haben sich seine Texte und die Essenz seiner Musik nicht verändert. Daran lerne ich, warum wirklich gute Dinge zeitlos sind.
Außerdem habe ich kürzlich das von Kanye West produzierte Album „Sunday Service“ wiederentdeckt. Während der Arbeit höre ich oft Tschaikowski, Mozart oder AOKI TAKAMASA.
Klassik fördert die Konzentration – das sollten alle mal ausprobieren (lacht).
Während des kreativen Prozesses bin ich so vertieft, dass ich nie bewusst versuche, jemanden zu imitieren. Viele inspirierende Erfahrungen aus der Vergangenheit spiegeln sich aber im Hier und Jetzt wider.
Es ist wohl eine Art persönliche Regel, den Wunsch, das Innere auszudrücken, so authentisch wie möglich umzusetzen.
Statt von bestimmten Personen lasse ich mich oft von der Geschichte inspirieren.
Wenn ich zum Beispiel Porträts aufnehmen möchte, wie sie in Musikzimmern hängen, recherchiere ich die Geschichte der Porträtmalerei.
Als ich mich mit Porträtfotografie beschäftigte, wollte ich wissen, wer als Erster Porträts in der Fotografie populär gemacht hat. Bei meinen Recherchen fand ich heraus, dass der französische Fotograf Nadar in den 1850er Jahren Porträtfotografie verbreitete.
Nadar fotografierte damals in seinem Pariser Atelier zahlreiche Persönlichkeiten und Künstler:innen. Interessant ist, dass die in Japan beliebten Impressionisten wie Monet und Cézanne ihr erstes Ausstellungsprojekt im Atelier von Nadar realisierten – das war der Ausgangspunkt der heute berühmten impressionistischen Bewegung. Alles hängt irgendwie zusammen.
Und: Heute sind Luftaufnahmen mit Drohnen selbstverständlich, aber Nadar gilt auch als der Erste, der aus einem Ballon heraus Luftaufnahmen machte. Dass der Pionier der Porträt- und Luftfotografie ein und dieselbe Person ist, finde ich faszinierend.
Man lernt immer Neues – Geschichte zu erforschen ist einfach spannend.
Als ich in Paris war, habe ich auch die Adresse von Nadars Atelier besucht, aber leider ist davon nichts mehr erhalten (lacht).
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Ein selbst aufgenommenes Porträt
image by hikaru masamiya
Ich würde gerne die 35mm-Filmkamera Kyocera TD ausprobieren.
Sie ist mit einem „Carl Zeiss Tessar T*“-Objektiv ausgestattet, liefert eine tolle Bildqualität und mir gefällt auch einfach das Design.
Außerdem reizt mich die LEICA minilux – ein Luxusobjekt, das mich schon lange interessiert.
Da die Preise jedes Jahr steigen, ist sie gerade jetzt am günstigsten zu bekommen. Das zeigt, wie sehr sie von vielen geschätzt wird – sie ist wirklich eine seltene Kamera.
Bei Porträts mag ich am meisten die Momente, in denen ich mit dem Gegenüber auf einer emotionalen Ebene verbunden bin und das Foto genau in diesem Augenblick entsteht.
Wenn eine solche Verbindung spürbar ist – wenn das Gegenüber ganz bei sich ist, sich authentisch zeigt und ich mich davon angezogen fühle und ganz eintauche – das sind meine Lieblingssituationen.
Das ist schwer in Worte zu fassen (lacht).
Bei Landschaften fotografiere ich gerne Gebäude im Ausland. Dinge, die lange an einem Ort bestehen, die eine längere Geschichte haben als mein eigenes Leben – wenn ich sie fotografiere, habe ich das Gefühl, Teil dieser Geschichte zu werden.

image by hikaru masamiya
Wenn ich – oder andere – Dinge tue, von denen ich weiß, dass sie „nicht cool“ sind, und trotzdem Kompromisse eingehe.
Gerade in solchen Momenten zeigt sich die eigene künstlerische und menschliche Haltung.
Da ich viele Designer:innen im Freundeskreis habe, bekomme ich oft Kleidung geschenkt oder zugeschickt (lacht).
Manchmal tauschen wir auch selbstgemachte Produkte. Weil wir uns kennen, passen sie das Design oft an meinen Geschmack an. Da sie gerne gestalten, freuen sie sich über solche Wünsche – und manchmal entstehen daraus sogar neue Kollektionen.
Außerdem fällt es mir schwer, aus dem festen Sortiment eines Shops auszuwählen.
Da ich sehr intuitiv fotografiere, hängen meine Einstellungen stark von der jeweiligen Situation ab. Natürlich spielen Wetter und Umgebung eine Rolle, aber auch, wie ich an dem Tag die Welt wahrnehme.
Nur beim Fokussieren arbeite ich am liebsten manuell.
Zum Schluss noch eine kleine Anekdote (lacht):
Während meiner Weltreise hatte ich eine Nikon-Spiegelreflexkamera dabei. Als Backpackerin war mein Alltag ziemlich rau – die Tasche stieß oft irgendwo an, beim Übernachten am Strand kam Sand hinein, und irgendwann funktionierte der Autofokus nicht mehr.
Da ich mir kein neues Objektiv leisten konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als manuell zu fokussieren.
Anfangs war es schwierig, spontane Momente manuell zu fokussieren, aber nach eineinhalb Jahren wurde es zur Selbstverständlichkeit. Und dann stellte ich fest, dass nur der Knopf schwergängig war und die Kamera gar nicht kaputt war (lacht).
Aber ich habe gemerkt, wie angenehm die Freiheit des manuellen Fokussierens ist. Ich glaube, für Profis ist das ohnehin Standard, aber durch diese Erfahrung habe ich das Gefühl für manuelles Fokussieren ganz natürlich verinnerlicht.
Wenn ich etwas inszeniere, möchte ich gerade bei den manuellen Aspekten besonders viel Sorgfalt investieren.
Ich glaube, das, was Kunst zur Kunst macht – dieses Unerklärliche – entsteht genau aus solchen kleinen Details. Wie man so schön sagt: Der Teufel steckt im Detail (lacht).

image by hikaru masamiya
MasamiyaHikaru
Masamiya Hikaru, geboren 1994 in Tokio. Mit Wurzeln in Australien, Japan und China bildet das Unsichtbare das Zentrum ihrer Arbeit. Als Art Directorin ist sie in den Bereichen Film, Design, Produktion und gelegentlich auch als Model nahtlos kreativ tätig.
cizucu: hikaru masamiya
Instagram (persönlich): @masamiyahikaru
Instagram (aesthesia): @aesthesia.jewelry

41 Magazine
Eine Interviewreihe mit Fotograf:innen und Fotomedien aus aller Welt, die jeweils ihre eigene Form des visuellen Ausdrucks verfolgen. Anhand von zehn Fragen beleuchten wir ihre erste Begegnung mit der Fotografie, die Ursprünge ihres kreativen Schaffens und die Gedanken hinter ihren Werken und vermitteln Kreativen weltweit neue Perspektiven und Inspiration.